Dienstag, 29. September 2015

Vom Nebel und von Ansprüchen


Die Uckermark verwöhnt uns mit dem allerschönsten Herbstwetter, das wir uns wünschen könnten. Am Morgen verzaubern Nebelschwaden und schräg einfallendes Licht unser Gemüt, mittags ist der Himmerl blau, die Luft auf Zimmertemperatur und nachts erfreuen uns Vollmond und tausende von Sternen unsere Augen.





Leider verschwimmt die Erinnerung an die letzten Tage in meinem Bewusstsein und an manches kann ich mich überhaupt nicht mehr erinnern, denn die gesamte vergangene Woche hat mein Körper sich mit einem Infekt auseinandergesetzt und wie es sich für einen funktionsfähiges Immunsystem gehört, hat sich meines mit Fieber gewehrt. Nicht umsonst gibt es die Redensart: "Er sprach wie im Fieber." Fieber und ein logisch denkender Kopf, das scheint es selten zu geben. Fieberwahn und Rausch hingegen, das geht auch in der Literatur der Romantik gut zusammen, in der man sich mehr auf sein Gefühl und seine Intuition verlässt als auf den kühlen, hinterfragenden Verstand der Aufklärung oder gar der wohlig geordneten Gefälligkeit des Biedermeiers. 





Descartes "Cogito, ergo sum." passt inzwischen nicht mehr so ganz zu unserer Vorstellungen von Bewusstsein, und doch ist ein gesunder Verstand eine genauso wichtiges  Element für ein erfülltes Leben, wie ein gesunder Körper. Die Verwirrung, die man erlebt, wenn die Wahrnehmung, die Erinnerung oder eine Schlussfolgerung nicht mit der nächsten oder mit der eines anderen Lebewesens übereinstimmt, kennt wohl jeder, wenn er ein wenig in seinen Erinnerungen gräbt. Die berühmte nicht auffindbare Butter im Kühlschrank, der ganz sicher in die Hosentasche gesteckte Autoschlüssel oder der ganz sicher selbst formulierte Satz sind nur ganz alltägliche Beispiele. Störender wird es, wenn die Wahrnehmung eines anderen Lebewesens so stark von der von uns erlebten Realität abweicht, dass eine Stresssituation entsteht.







Wann auch immer Nelly die kognitive Verknüpfung von Männern, Stöcken oder Besen und größeren Hunden mit großer Gefahr hergestellt haben mag, diese Verbindung jetzt zu überschreiben erweist sich als schwierig. Ihre Wahrnehmung weicht dermaßen stark von derjenigen ihrer Umgebung ab, dass sie von den anderen Hunden und Menschen in erster Linie Mitgefühl und wenig ärgerliche Irritation erfährt. Dieses Mitgefühl halte ich für eine ganz wesentliche Voraussetzung dafür, dass sie ihre Situation überhaupt überprüfen und eine alternative Reaktion erlernen kann. Unser derzeitiger Erfolg besteht darin, dass ich ihr die Reaktion abnehmen darf, sie sozusagen entlaste und ihr den Raum gebe, ihre Wahrnehmung zu ändern.








Menschen, die aus einem Kriegsgebiet oder einer anderen Umgebung mit starken sozialen Konflikten in ein anderes Land fliehen, bringen in erster Linie sich selbst mit. Ihre Wahrnehmung ist nicht nur von anderen kulturellen Werten geprägt, sondern in erster Linie dadurch, wie sich selbst und ihre Mitmenschen bisher erlebt haben. Es ist sehr unwahrscheinlich, dass ihnen andere Konfliktlösungsmechanismen und Überlebensstrategien zur Verfügung stehen als diejenigen, die sich als bisher als brauchbar erwiesen haben. Wir leben selbst in einem Land, in dem bereits die vierte Generation die Traumata der letzten Kriegsjahre zu verarbeiten hat und doch sehe ich gerade wenig Verständnis für die Situation der Asylantragsteller. Stattdessen lese ich so viel von kultureller Vielfalt, von wirtschaftlichem Nutzen und moralischem Denken.

Ich möchte dazu einladen, einmal das rationale Kalkül und die Ansprüche an diese anderen und an sich selbst zurückzudrängen und kurz innezuhalten im Mitgefühl. In eben diesem Raum der Geduld und Güte, der auch Nelly zur Verfügung steht.


Montag, 21. September 2015

Zwei Langhaarwhippets in Berlin und ein Beagle im Randowtal


Auch dieses Wochenende zeigten wir, die einzelgängerischen Uckermärker, uns von unserer sozialen Seite. Am Samstag begleiteten mich Nelly und Artus nach Berlin und im Anschluss an den beruflichen Tagesteil bekamen wir sogar -wie ich gehofft hatte- einen warmen Empfang von Artus zukünftiger Menschenmama. Artus, ganz der offene Charmeur, der er ist, verbrachte so einige Zeit auf dem Arm und Schoß seines Menschen und prüfte schonmal die Robustheit und Konsistenz von  ihrer Kleidung und Haarpracht mit seinen spitzen Welpenkrallen und Zähnchen.





Auch Nelly und ich hatten unseren Spaß in der gepflegten Gartenanlage und ich nahm einige Motivation mit nach Hause, meinen uckermärkischen Kräutergarten um einige Pflanzen aufzustocken. Zwar werde ich in diesem Leben wohl keinen grünen Daumen mehr entwickeln, aber ein wenig mehr Struktur wird sich noch aus unserem Randowtaler Fleckchen Erde herausholen lassen. Da mich momentan meine erste Herbsterkältung niedergestreckt hat, weiß ich meinen inzwischen mehrjährigen Salbei beispielsweise sehr zu schätzen. Nur die klassischen Gräser, wie Petersilie, Schnittlauch und Dill brauchen wohl doch etwas mehr Pflege und Unkrautbekämpfung als ich gerade zu leisten bereit bin. Das ist schade, denn eigentlich sind diese Kräuter eine Bereicherung für jeden selbstgemachten Herbstsalat.




Am Sonntag hatten wir Beaglebesuch. Da meine Hunde ja fast alle Sichtjäger sind, war es doch spannend, so einen Schnüffler im Randowtal zu erleben. Natürlich handelt es sich bei Beagle Roan um ein besonders wohlerzogenes Exemplar Hund, man konnte aber trotzdem sehen, dass auch die Haltung anderer Hunde als die von Windhunden durchaus anspruchsvoll sein kann. So ein Beagle neigt zur Sturheit, extremer Neugierde, zu ausgeprägtem Appetit und wie Nicole zu berichten weiß ebenfalls zu einigem Schutztrieb. Maya präsentierte sich an diesem Vormittag allerdings ebenfalls von ihrer triebigsten Seite: alles, was keine mehrjährige freundliche Bekanntschaft vorweisen konnte, wurde verbellt und ihre schlechte Laune legte sich erst am Abend als sie erschöpft in ihre Kudde fiel.




Mit ihrer angeschlagenen Laune stand Maya nicht ganz alleine da, deswegen war es umso schöner zu erleben, dass die nachmittägliche Kinderparty so friedvoll und harmonisch ablief. Ich erinnere mich noch, wie ich vor Jahren mit Grauen einem Kindergeburtstag einer Gruppe von ungefähr 10jährigen Jungs beiwohnte und mir überlegte, auf welche Art und Weise man so ein Gedränge, Gebrüll und Imponiergehabe für mehrere Stunden überleben könne. Nun, entweder bin ich in meine Rolle als Jungsmama hineingewachsen, oder die Freunde meines Kindes sind so sozial kompetent, wie Jesper Juul sie sieht. Und da heute Weltfriedenstag ist, glaube ich einfach mal an das letztere.



Donnerstag, 17. September 2015

Von schmutzigen Mischlingen und spielenden Rassekatzen



Der September scheint der perfekte Monat für uckermärkische Sandbäder zu sein. Zumindest besagt ein altes Randowtaler Sprichwort: "Schläfst Du im Herbst auf gepflügtem Boden, wird man im Winter Deine Haare loben." Das jedenfalls scheint Maya fest zu glauben, denn ihre Fellpflege schließt ein obligatorisches tägliches Erdbad ein, das notfalls nur durch Seebad mit anschließendem Sandtreten ersetzt werden kann.







Egal ob See-, Erd- oder Sandbad, die Uckermark hat für Liebhaber des Herbstes fast alles zu bieten und so genießen nicht nur die beiden Hunde Nina und Maya unsere längeren, meist im Frühnebel stattfindenden Morgenspaziergänge, sondern auch ich schätze mich unendlich glücklich, die Zeit und die Möglichkeit für diese Morgenbeschäftigung zu haben. Mayas Liebe zur uckermärkischen Erde wäre natürlich kein größeres Problem, würde ich in meinem Doggomobil nicht auch von Zeit zu Zeit etwas anderes als Hunde transportieren und würde sich Maya unter der Dusche wie ein Huskymix benehmen, der sie eigentlich ist. Nicht nur verwandelt sich mein großer Leithund in ein jammerndes Häufchen zitterndes Hundeleid, sondern sieht sie ohne ihre aufgebauschte Haarpracht auch sehr nach dem Viertel Windhund aus, der wohl auch in ihr steckt. Oft jedenfalls kann ich mich zu dieser Folter nicht durchringen und so vertrömt Maya selten den Duft frischen Hundeshampoos, sondern riecht mehr nach dem, was die Randowtaler Felder so im saisonalen Angebot führen.






In all meinen letzten Beiträgen zu den Welpen habe ich ganz vergessen, von Astrids Eingewöhnung zu berichten. Astrid ist nicht nur ein sehr hübsches, sondern auch ein überaus liebes, gefälliges, verspieltes und verschmustes Katzenkind. Sie ist stubenrein, schmeist keine Gegenstände von den Regalen, frisst den anderen kein Futter weg, krallt nicht und schmust mit uns, wann immer unser Sinn nach ihrem flauschigen Teddyfell steht. Zwar wurde mir prophezeit, dass dieses Goldstück sich mit Eintreten der Pubertät schlagartig in ein mehrere Kilo schweres Monster verwandeln wird, aber ich kann das gar nicht glauben.








Auch Anton ist ihrem weichen Plüsch verfallen und wirft sich mit großer Begeisterung auf sie, sobald sie in sein Blickfeld tritt. Leider haben sich Peter und Anton in ihrer Freundschaft ein recht rabiates Spielverhalten angewöhnt und die zarte Astrid muss nun darunter leiden. Sehr zögerlich lädt sie Anton beispielsweise zu einer Kontaktaufnahme ein, indem sie zart seine Schwanzspitze berührt. Anton schaut sich das wohlwollend ein paar Sekunden lang an, um sich dann wie gehabt - ja, auf sie zu stürzen, worauf Astrid erschrocken das Weite sucht. Seine Schmuseeinheiten absolviert Anton wie gehabt bei Karlchen und es ist schön für mich zu sehen, dass unsere Welt in dieser Beziehung noch die alte, harmonische ist.








Und so verbringen unsere Vierbeiner ihre Tage in Gruppen: die Gruppe der Welpen, die Gruppe der kleinen Windhunde und der orientalischen Katze und die Gruppe der großen Mischlinge. Ich bin gespannt, ob sich Astrid und Hope in ein paar Wochen der Fensterbankfraktion anschließen werden, oder ob sie die anderen vielleicht doch zu einer größeren Gemeinschaft animieren können. Mir würde das gut gefallen.

Dienstag, 15. September 2015

Herbstsonne und Regen im Randowtal



"Aber wie kann man denn jetzt Apfelmus kaufen, wo sie doch überall auf der Erde rumliegen?" meinte neulich eine Uckermärkerin zu mir, als ich zu Kaffee und Brötchen noch ein Glas mit solchem Mus in den Einkaufskorb stellte. Recht hat sie natürlich, denn sie kann ja nicht wissen, dass gerade unsere Äpfel zu den spätreifenden gehören, was uns zu den letzten Kunden der Randowtaler Mosterei macht, die nun auf Hochtouren läuft.






Doch da die Pflaumen und der Holunder reif sind, ist die kurze Pause vom Backen und Einwecken eh vorbei, denn wer will schon auf eigenen Pflaumenmus oder -kuchen verzichten? Das Wetter gibt uns zwischen den Regenpausen genügend Zeit für ein paar längere Spaziergänge und den Welpen genügend "Draußenzeit", um ihre überschüssige Energie loszuwerden. 








Überschüssige Energie haben die Welpen zu meinem Glück nicht immer, einen Großteil des Tages verschlafen sie noch, denn natürlich müssen sie wachsen und die täglich neuen Eindrücke verarbeiten. Sind sie jedoch wach, dann verlangt es sie auch nach Aktion. Damit sind sie in einem Alter, in dem sie anfangen, fast vollwertige Rudelmitglieder zu werden und acht Hunde im Haus ist auch für mich eine ziemliche Herausforderung. Die Kleinen wollen nicht nur vor Verletzungen und Selbstüberschätzung geschützt werden, sondern auch Nelly muss in ihrer Unsicherheit unserem Leben und unseren Gewohnheiten gegenüber viel betreut werden.  Alles in allem bin ich mit der Integrationskraft unseres Rudels sehr zufrieden, doch die beiden Baustellen: Ninas Unruhe und Jagdsucht und Nellys Ängstlichkeit und Gekläffe werden wohl noch eine Weile unsere Arbeitsthemen bleiben. 






Mein Held hat nun begonnen, sich bei Nelly "schön" zu füttern, was ich für eine sehr erfolgreiche Methode halte und ich lasse Nina nun wieder abundan von Maya an der Leine führen, wenn mich die Führung der kleinen Retrieverdame vom Fotografieren abhält. Doch meistens laufen meine Hunde frei und lässt mich der Gruppenzusammenhalt bei unseren Ausflügen ins Randowtal  auf eine harmonische Zukunft hoffen. Den beiden größeren Damen Nina und Maya macht die Feuchtigkeit im Randowtal zum Glück nichts aus. Ganz im Gegenteil genießen sie es, durch die feuchten Wiesen zu streifen und in die Kanäle zu springen. Nach meinen Befürchtungen wird das Wasser in diesen Gewässern, jedoch fern von Trinkwasserqualität sein und die Mäuse- und Maulwurfkadaver auf den Feldern lassen diese Befürchtungen noch wachsen. Den Grenzwert für die Schädlichkeit von Glyphosat, einer laut der WHO krebserzeugenden Substanz, einfach anzuheben, scheint mir auch ein Schritt in die völlig falsche Richtung zu sein.







Bei Wind und Regen bleiben die Windspiele -wie gehabt- den Randowtaler Wiesen fern und verträumen die Zeit auf der Fensterbank oder veranstalten unterhaltsame Schaukämpfe um eine einzelne Socke oder Pflaume. Sobald jedoch die Sonne scheint, flitzen sie durch den Garten und bieten auch den Welpen eine gründliche Einführung in das Fach: Toben für Windhunde







Einen großen Vorteil werde ich ganz sicher aus dem Zusammenleben mit den vielen Hunden, die unser Haus derzeit mit Leben füllen ziehen: mir wird mein Stammrudel nach dem Auszug der Welpen letztendlich als relativ einfach zu betreuen erscheinen.