Donnerstag, 29. Dezember 2016

Eine Kette ist nur so stark wie ihr schwächstes Glied


So lautete zumindest der Titel dieses Beitrags, als ich ihn vor fast einem Jahr erstellt hatte.
Anlass war mir damals der Einzug Flos und ihr besonders distanziertes Verhältnis zum uckermärkischen Schlamm.






Während ich mich nach fast 10 Jahren im Randowtal nicht nur an die Autobahn so langsam gewöhne, sondern auch die Schlammspuren im Auto und an meiner Kleidung lerne zu akzeptieren, mich in doppelte Schichten kleide und auch Geduld übe, wenn ich meinen kleinen Windspielkindergarten in seine Pullis stecke, so bleibt Flo eine kleine Alien, die sich täglich fragt, ob die Welt = das Wetter nun endlich wieder in seinen normalen, sommerlichen Zustand zurückkehrt.  






Nun muss ich zugeben, dass mir nicht einmal so klar ist, ob dieser Spruch von der Kette und ihrem schwächsten Glied wenigstens im physikalischen Sinne korrekt ist. Für das Rudelleben und für das menschliche Zusammenleben scheint er jedenfalls nicht zuzutreffen.
Lebewesen in einer Gemeinschaft handeln in erster Linie kooperativ und nutzen die Einladung des Augenblicks zumeist, sich tiefer für das gemeinsame Zusammenleben zu engagieren, ihre Kommunikationsfähigkeit zu erweitern und Kompetenzen zu entwickeln, die sie in einer bequemeren, konfliktfreien Situation nicht hätten entwickeln brauchen.





Mit jedem neuen Rudelmitglied und mit jedem Verlust des letzten Jahres ist die Hundegemeinschaft vielleicht nicht enger geworden (dafür sind die Ereignisse doch etwas schnell aufeinander gefolgt), aber jedes einzelne Mitglied ist in seiner Hundepersönlichkeit enorm gewachsen. 
Ohne die einzelnen Punkte hier aufzählen zu müssen, lässt sich der Gesamteindruck vielleicht so formulieren: Niemand hatte die Möglichkeit für sich beansprucht, sich auf seinen kleinen Schwächen und Ängsten auszuruhen.





Das hat nicht einmal Flo. Nein, sie hat den uckermärkischen Winter und seine feuchte Kälte nicht schätzen gelernt und sie liebt unseren Garten im karg-dunklen Zustand nicht. Aber sie trottet mit mir brav "bei Fuß" durch den Zehnebecker Forst lässt die Natur in dem Maße auf sich wirken, wie es für sie gerade stimmig ist, anstatt auf kürzester Strecke zurück zum Auto zu laufen. Es gibt sogar Augenblicke, in denen sie sich dazu hinreißen lässt, zusammen mit den anderen Hunden zu schnüffeln oder eine besonders relevante Stelle zu markieren.




Für Menschen ist es ziemlich schwer, die Gedanken loszulassen, wie das Leben nicht vielleicht einfacher zu leben wäre. In meiner Beobachtung haben auch meine Hunde eine ziemlich genaue Vorstellung von diesem einfachen Leben. Besonders die Windspiele würden als Weltherrscher sehr zügig windspielkonforme Reforme einführen. Essentielle Punkte wären u.a.: angenehme, verlässliche 25 Grad Celsius, Sonneschein, Abschaffung der Stubenreinheit, Menschennahrung vom Tisch und in ständiger Verfügbarkeit, kuschelige, beheizte Schlafplätze mit guter Aussicht und ein allzeit verfügbarer, windspielbedürftiger Mensch. 




Als Windspielbesitzerin habe ich das Gefühl, ständig eine gewisse Menge an Energie aufbringen zu müssen, um als Mensch mit eigenen Bedürfnissen und Verantwortung dieser "natürlichen Windspielwelt" entgegen zu wirken. Ich habe den Eindruck, dass dies eine recht häufige Konsequenz des Zusammenlebens ist: es kostet Energie. Es ist eine zu starke Vereinfachung, davon auszugehen, wir alle hätten ganz ähnliche Bedürfnisse und ein kleinster gemeinsamer Nenner = Kompromiss wäre recht schnell hergestellt.  Ich kenne keinen Menschen, der bereit wäre, diesen kleinsten gemeinsamen Nenner auch als Perspektive zu akzeptieren.






Entwicklung innerhalb einer Gemeinschaft findet auf einer Spanne zwischen Verzicht und Verfeinerung statt, wobei der Verzicht erfahrungsgemäß erst erfolgen kann, wenn das darunter liegende Bedürfnis befriedigt oder auch einfach nur bewusst wahrgenommen wurde. Wenn ich die folgenden Fotos aus dem letzten Jahr mit den aktuellen Bildern vergleiche, dann hat sich Flos Welt deutlich weiterentwickelt. Ich könnte jedoch nicht mit 100%iger Sicherheit sagen, welche ihrer Bedürfnisse wir in diesem Jahr nun so gut erraten haben, dass sie sich so weiterentwickeln konnte.





Wir haben Flo ganz sicher nicht ihre Traumwelt präsentiert, auch wenn wir einige Wünsche (wie allzeit warmes Wetter) ganz bestimmt teilen. Wir haben aber auch einige Dinge richtig gemacht und mir macht diese Erfahrung Mut für das menschliche Zusammenleben: dass das Miteinander und Füraneinader lohnender ist als die Idee des Gegeneinanders. 



Dienstag, 15. November 2016

Über das Loslassen und den Herbst




So langsam neigt sich der Herbst dem Ende zu: die bunten Blätter verlieren ihre Leuchtkraft und einigen sich auf ein Einheitsbraun, das fast unmerklich ins Graue übergeht, um schließlich ganz die Gestalt eines Blattes zu verlassen und auch für diejenigen unter uns, die gerne an den Formen festhalten, nicht mehr als Blatt erkennbar zu sein. 





Auf dieser Ebene betrachtet, ist das Loslassen eigentlich nichts besonders Schweres, sondern im Gegenteil, eher ein Dem Lauf der Dinge folgen. Loslassen müssen wir erst dann lernen, wenn wir eigentlich festhalten wollen. Einen besonders schönen Sommer, ein wunderschönes Blatt, einen geliebten Hund. Wobei wir uns den Sommer in unserem Geist erst als Jahreszeit geschaffen haben und auch das Blatt eben in diesem flüchtigen Zustand so gerne länger behalten hätten. Mit dem Hund ist es schon wieder etwas anders: auch er ist ein Lebenwesen, das seine Form ständig ändert, seinen Charakter und seine Gewohnheiten formt und als Haustier Hund genauso wandelbar und unaufhaltsam ist wie das Blatt. Doch da ist eben auch die Hundesseele, mit der unsere eigene Menschenseele ganz unvermeidlich in Kontakt tritt und damit sind wir die Treppe der Wandelbarkeit schon ein ganzes Stückchen höher geklommen. So schnell ändern sich weder Menschen- noch Hundeseelen.  





So geht die Mensch-Hund-Seelenbindung schon über den Tod des einen Partners hinaus. Aber auch Pläne, Träume, Wünsche, Gewohnheiten wollen losgelassen werden. Unsere Nina war der Familienhund und verbrachte die meiste Zeit mit den Kindern. Sie schlief im Bett meines Sohnes, brachte ihn zur Schule und holte ihn ab. Sie begleitete ihn beim Fahrrad fahren, Fußball spielen und war der einzige Grund, warum er sich zu Fuß durch das Randowtal "quälen" würde. Auch diesen Alltag haben wir nun losgelassen, genauso wie unsere Bilder von einer gereiften, älteren Retrieverdame, die Nina nie wurde.





Ich habe eine zeitlang überlegt, ob es Sinn macht, diesen Blog weiter zu führen. Ich bin gerührt, über die vielen täglichen Hits, die die "Zwei Amerikaner" noch immer bekommen, doch ich kann auch fühlen, dass das Wesen und die Form sich ändern werden. Nein, tot ist diese kleine Kreation nicht, aber eben auch nicht formbeständig und fest. Losgelassen habe ich also die Vorstellung, etwas über den Sinn oder Unsinn dieser Texte sagen zu wollen. Mag die geneigte Leserschaft über diesen Punkt entscheiden. Ich werde wieder schreiben oder eben nicht schreiben, so wie es meinem eigenen Fluss entspricht.  





Seit meinen letzten Beiträgen ist das Leben hier im Randowtal weiter gegangen. Mal konnte ich mithalten, mal gelang es mir weniger gut und hätte ich die Zeit am liebsten angehalten. Das kleine Barsoimädchen Faradiba ist inzwischen größer als meine verstorbene Hündin Maya jemals war. Im Kopf allerdings ähnelt sie noch immer einem Windspielwelpen: nur passt sie leider nicht mehr in "ihre" Kudde auf dem Fensterbrett und muss mit den Sofas vorlieb nehmen. Das schwarze Windspielmädchen Pandora hat sich zu einer wunderschönen Dame entwickelt, hat ihre ersten Ausstellungserfahrungen gesammelt und ist zu einer guten Partnerin für die Amerikanerin India geworden. 





Aufgrund der inzwischen doch recht großen Gewichtsunterschiede: Flo wiegt etwas über 3kg, während Faradiba über 26kg wiegt, habe ich mir angewöhnt, mit den Windspielen und den "Flusen" getrennt zu laufen. So haben sich meine täglichen Spaziergänge durch die Uckermark zu einem meiner wichtigsten Alltagsbestandteile entwickelt. Ich laufe inzwischen weniger für die Hunde als mit ihnen, mal mit Kamera, mal ohne, aber meistens doch "mit". Erinnerungen sind im Grunde genommen Geschichten, und so wie sich unserer Alltag ändert, so ändern sich auch unsere Geschichten. Ich erinnere mich nun sehr gerne daran, wie ich bereits mit knapp 10 Jahren mir eine damals fremde Stadt in der Ukraine -das schöne Kiev- erlaufen habe. 





Vielleicht ist auch das ein Teil der Sinnhaftigkeit dieses Blogs. Geschichten aufzuschreiben, solange sie frisch sind, denn wir teilen und hören voneinander eigentlich nur die Dinge gern, die lebendig sind. Die toten und unveränderlichen Dinge sind nicht so schön zum Teilen...


Donnerstag, 18. August 2016

Wir machen eine Trauerpause...

Liebe Blogleser,

es warten noch immer sechs Beiträge, die gepostet werden wollen - momentan empfinde ich es allerdings als unpassend, sie wirklich in die Welt zu entlassen. Ich brauche etwas Zeit, um Trauerarbeit zu leisten und das würde ich gern in aller Stille und Privatheit tun. Bilder gibt es allerdings weiterhin von den Fellnasen: wie gehabt auf Instagram oder Facebook.



Donnerstag, 14. Juli 2016

Blumensträuße am Wegesrand


Für uns Uckermärker behielt die Siebenschläferregel in diesem Jahr Recht und so erfreuen wir uns an einem ausgesprochen wechselhaften und launischen Sommer. Mal regnet es, um am folgenden Tag durch Hitze, Sonnenlicht und hohe Luftfeuchtigkeit eine fast tropische Stimmung zu zaubern.






Am Samstag bin ich bei starkem Wind und bedecktem Himmel mit den Fellnasen eine Runde gelaufen, die ich seit Mayas Tod nicht mehr gegangen bin. Ich habe sie mir sozusagen zurück erobert. Belohnt wurde ich durch das glückliche Lächeln von Hope und durch Nellys dankbare Augen, obwohl wir nicht ganz so weit laufen konnten, da Faradiba noch nicht so lange Strecken laufen kann. Überhaupt habe ich heute gemerkt, dass es wohl bald an der Zeit ist, das Rudel in Windspiele versus größere Hunde zu trennen, denn Faradiba hat bereits deutlich Hope an Größe und Gewicht überholt und so steigt aufgrund ihres jugendlichen Leichtsinns und ihrer mangelnden Körperbeherrschung die Verletzungsgefahr für die Italiener. Doch am Samstag sind Flo und Panda schon aufgrund des sich ankündigenden Regens lieber auf der Fensterbank geblieben und so schlenderten wir sorglos zu sechst erst am Lützlower Hünengrab und dann später an den Maisfeldern entlang. Den Wegesrand säumten wunderschöne Wildblumen und eingehüllt in den Duft von Kamille und dem nahenden Regen fühlte ich mich vom Universum geborgen und geliebt gleich den Schmetterlingen und Hummeln, die die sich mit uns gemeinsam in der Einsamkeit vergnügten.





Und Einsamkeit geht noch immer in der Uckermark, wenn auch bestimmte Plätze nun einfach den Urlaubern in unserem schönen Landstrich gehören. Wie einsam, durfte ich erst gestern am Abend erfahren, als ich "nur eben mal" in Groß-Fredenwalde vorbeischauen wollte, wo mein verstorbener Freund Dietmar Lange einen Skulpturengarten angelegt hatte. Wenige seiner Holzskulpturen stehen noch an ihrem alten Platz, selbst der von ihm angelegte Steingarten zeigt noch Struktur und das derzeit neu angelegte Weidenzauntor ist erst jetzt so richtig geformt. Die Kirsch- und die Aprikosenbäume tragen Früchte (Ich frage mich, warum sich die Stare unbedingt auf die Randowtaler Kirschen eingeschossen haben?) und einige Rosen standen in Blüte.




Ein wenig über die Lebenden und die Toten sinnierend beschloss ich, den milden Abend mit einem kurzen Spaziergang abzurunden und lief mit Hope im Schlepptau ein wenig querfeldein. Nunja, um es kurz zu machen, so endete diese Runde erst einige Stunden später mit verschlammten Schuhen und zerkratzten Beinen (Frau trägt Rock!). Auch Hope zeigte sich nicht sonderlich begeistert von unserer größeren Tour: zum Einen war die Abendbrotzeit längst vorüber und zum Zweiten hatte sie schon größenbedingt nicht den besten Ausblick inmitten eines Feldes. So konnte sie die vorbeirennenden Rehe zwar hören, jedoch nicht sehen und ich bin mir sicher, dass sie nach einer Weile genauso orientierungslos war wie ich.






Denn natürlich kenne ich meine kleine Schwäche, was die Ortssicherheit betrifft, und so achtete ich darauf, die Sonne stets im Rücken und die am Horizont sichtbare Straße im Auge zu behalten. Nur lässt es sich auf uckermärkischen Feldern schlecht geradeaus gehen, denn überall sind wunderschöne kleine Tümpel und Bauminseln zu bewundern, die umgangen werden müssen. Dann, als ich nach einem längeren Marsch die vermeintliche Straße erreichte, musste ich feststellen, dass es sich um eine sehr nützliche, allerdings nicht begehbare Strauchhecke handelte, was das Auffinden eines Weges, der mich zu meinem Auto zurückführen würde, wieder etwas hinauszögerte. Schließlich entdeckte ich einen Feldweg, der überhaupt nicht von Bäumen oder Sträuchern gesäumt war, jedoch aufgrund der hügeligen Landschaft schon von Weitem erkennbar.  Von da an war wieder alles ganz einfach.





Touristisch gesehen ist die Landschaft zwischen Gerswalde und Warnitz auf jeden Fall sehr zu empfehlen. Wie es sich für eine richtige Verirrung gehört, war der Akku meiner Kamera bereits entleert, sonst könnte ich euch diese Aussage mit wunderschönen Bildern belegen. Aber das gelingt mir bestimmt ein anderes Mal.