Donnerstag, 28. Januar 2016

Vom Tauwetter und unliebsamen Veränderungen


Veränderungen lassen sich nicht aufhalten. Selbst dann nicht wenn wir gerade keine Lust auf diese Veränderungen haben. Und doch versuchen wir es immer wieder, so wie es andere vor uns ebenfalls versucht haben. Dabei sollten wir unsere Widerstände vielleicht im Vertrauen tauen lassen, so wie auch das Eis der letzten Tage schon wieder dem uckermärkischen Schlamm Platz gemacht hat.






Gut nachvollziehen lässt sich der Kreislauf der Veränderungen und der menschlichen Bestrebungen, den Status quo zu konservieren, beispielsweise an der Entwicklung der menschlichen Sprache. Sprachpuristen sowie auch Liebhaber und Aktivisten für eine bestimmte Nationalsprache oder einen Dialekt konnten zwar oft ihre eigenen Spuren innerhalb eines Lexikons hinterlassen (meist als direkte Übersetzung eines Fremdwortes), aber in keinen der mir bekannten Fälle den Einfluss einer neuen Generation, einer anderen Sprache oder fremden Kultur aufhalten. Manche Sprachen haben sich auf diese Weise weniger, andere völlig verändert, sowohl was die Grammatik als auch den Wortschatz angeht.  





Mit einer sogenannten Restauration kann also weniger eine Wiederherstellung alter Zustände gemeint sein, sondern die Wiederherstellung eines funktionierenden Systems aus einem zeitweilig dysfunktionalen - oder eines sich in einem unerwünschten Zustand befindlichen Systems (wie sagen wir, einem Körper während eines Infekts). Globaler gesehen, entwickelt sich unser Universum in Richtung von  Entropie dabei gibt es immer wieder mehr oder weniger stabile Zustände, aber alle Systeme sind in sich passend, stimmig und wichtig. Wir Menschen sprechen vielleicht auch gerade deshalb so gerne von der Vergangenheit (Sprachliebhaber werden vielleicht schon gemerkt haben, dass die meisten Sprachen Vergangenheit und Sicherheit und Zukunft und Unsicherheit grammatikalisch miteinander verankern.), weil sich diese Entwicklung zum scheinbaren Chaos hin rückblickend durchaus als deterministische, also eingleisige Entwicklung darstellen lässt.

 





Gesellschaftlich stehen bei uns gerade Veränderungen an, die nicht allen passen und die viele Dinge, an die wir uns gewöhnt haben, in den Hintergrund rücken lassen. Dabei wird tröstlicherweise Weniges wirklich vergessen, doch verliert es aktuell an Bedeutung. So finden beispielsweise gerade gleichzeitig mehrere Ausstellungen zu weiblichen Malerinnen statt, die zu ihren Lebzeiten nicht gewertschätzt wurden, da man Frauen damals keine wirklich moderne Kreativität zugetraut hat. Ebenso hörte ich neulich im Radio ein Stück von Fanny Hensel Mendelson Bartholdy, die als Schwester des berühmten Komponisten aufgrund ihres Geschlechts zu Lebzeiten kaum beachtet wurde. Interessant finde ich, dass diese Art von abwertender Wahrnehmung von Frauen und ihrer Leistungen Jahrhunderte lang geschehen konnte, ohne dass die systematische Diskriminierung selbst öffentlich als Wahrheit anerkannt wurde. Erst in den letzten Jahren konnte die Abwertung weiblicher Leistung statistisch und wissenschaftlich nachgewiesen werden und erhält damit auch gesellschaftliches Interesse. 





Nun, da wir in Deutschland erst seit wenigen Jahren Frauenparkplätze haben, Vergewaltigung in der Ehe endlich als Straftat anerkannt wird und eine Frau sich gegen sexuelle Gewalt am Arbeitsplatz organisiert wehren kann, wird "die Frau" wieder instrumentalisiert, nämlich als Objekt innerhalb des gesellschaftlichen Diskurses um Fremde, Migration und Religion. Migrationsbewegungen führen immer zu Veränderungen, egal ob man sie als Bereicherung oder als Last empfindet. Ein Widerstand gegen diese Massenbewegungen führt erfahrungsgemäß zu neuen Sorgen und Problemen und aus diesem Grunde ist gerade das genaue Hinsehen so wichtig. Wer kommt? Was erwarten die Zugezogenen? Wie viel Raum finde ich in mir selbst? Eine Flucht in Romantisierungen oder in Ängste hilft keinem weiter. Unsere Erfahrungen mit der Integration von Menschen aus anderen Herkunftsländern ist wirklich groß und diese Erfahrungen haben gezeigt, dass unser Land vor allem Schwierigkeiten hat, Menschen von muslimisch geprägten Kulturen aus ländlichen, wenig industrialisierten Regionen zu integrieren. Nun ist dies kein Wunder, denn erfolgt der Zuzug zumeist in die größeren, liberal geprägten Industriezentren Deutschlands - größer dürfte der Kulturschock wohl nicht sein. 






Die etwa 100 muslimischen Gemeinden in Berlin öffnen sich bespielsweise erst seit den letzten 10 Jahren eher zögerlich den sich ständig verändernden und sich selbst oft ausprobierenden Umgebungskulturen. Die Chance, die sich in einem weiteren Zuzug von Menschen mit viel emotionalem, sprachlichen gesellschaftlich geprägtem Abstand auftut, sehe ich in erster Linie in diesem Spiegel, der uns und unserem Alltag vorgehalten wird. Wie sehen Menschen, die von recht weit her kommen unsere kommerzialisierte, sexualisierte, leistungsfanatische Kultur? Wie weit sind unser Schein und unser Sein noch miteinander in Kontakt? Sind wir glaubhaft, wenn wir von Gleichberechtigung der Geschlechter, Gewaltfreiheit und sozialem Netz sprechen? 





Sexuelle Gewalt zieht sich durch alle gesellschaftlichen Schichten, religiösen Hintergründe und Altersklassen, das haben wir Frauen in der Mehrheit am eigenen Körper erfahren dürfen. Es ist kein gutes Zeichen, wenn der Großteil der geflüchteten Frauen bereits vor ihrer Ankunft vergewaltigt wurden oder Asylsuchende in Gelächter ausbrechen, wenn man ihnen erklärt, dass Kinder in Deutschland nicht geschlagen werden dürfen. Wir wissen aus Erfahrung, dass ein Umdenken - oder eher ein Umempfinden - in diesen Punkten  viele Jahre und Arbeit an sich selbst in Anspruch nehmen wird. Dabei sind weder Gewalt noch schnelle Aufklärungsmaßnahmen wirkliche Lösungen.







Wirkliche friedliche Lösungen wird es erst geben, wenn wir uns den Veränderungen öffnen und einen entspannten, unterstützenden Raum bereitstellen können, in dem heilende Veränderungen und Begegnungen möglich sind. Aber wer von uns findet diesen friedvollen Raum in und für sich selbst?

Mittwoch, 20. Januar 2016

Von Verantwortung und Präsenz



Wie alteingesessene Randowtaler wissen, "sieht man den Stein auf dem Acker des Nachbarn immer besser als den Findling auf dem eigenen". Und auch mir geht es momentan so. Ganz passend zur Feststellung in meinem Beitrag vor ein paar Tagen, dass ich mir die Schönheit der Natur stets aufs Neue erlaufen müsse - so muss ich mich derzeit oft ganz bewusst in den aktuellen Augenblick zurückholen. Immer wollen mich meine Gedanken entführen. Wohin? Es scheint, als wäre das gleich: ob zu den sorgenvollen Zukunftsprognosen, die aus der gegenwärtigen Innen- und Außenpolitik resultieren oder zu erfreulicheren Lektüren über Hunde und Kultur.






Und nicht nur mir scheint es so zu gehen. Gespräche unter Nachbarn kreisen gern um nicht anwesende Dritte, sich um eine Reparatur an der Wasserleitung eines Kollegen zu kümmern, scheint einfacher zu sein, als die eigene Heizungsanlage zu warten - mit den Kindern einer Freundin wird endlich der Kuchen gebacken, auf den sich der eigene Nachwuchs schon seit Wochen freut. Wie kommt das, dass wir mit unseren Gedanken, Herzen und unserer Tatkraft so gern beim Anderen sind? Weil wir uns selbst bereits so gut kennen? Weil unser eigenes Leben rund läuft, wir keine eigenen Herausforderungen zu meistern haben?







Mitnichten. Leider ist oft genau das Gegenteil der Fall. Weil wir oft unseren eigenen Problemen nicht gewachsen zu sein scheinen, weil so vieles in unseren Beziehungen, unseren Finanzen, unseren Häusern und Körpern uns Sorgen macht und alte Wunden so sehr schmerzen, wir mancher Routine oder einem immer wieder kehrenden Konflikt nicht gewachsen zu sein scheinen, kümmern wir uns lieber um die relativ leicht zu lösenden Probleme der anderen. Aber was ist mit unserem eigenen Acker? Unsere Verantwortung bleibt normalerweise bei uns, auch wenn uns ein Freund hilft, die Steuererklärung abzuschicken, die Freundin unsere Kinder mal wieder abholt, weil wir seit Tagen keine neue Autobatterie besorgen konnten: es bleiben unsere Steuern und unsere Kinder und unser Auto.






Das ist in gewisser Weise eine sehr befriedigende, weil kontakt- und sinnstiftende Art von Flucht. Andere Arten heißen Neid, Missgunst, Tratsch, Besserwisserei, Fernsehen, Drogen oder einfach auch Urlaub. Urlaub, bzw. eine Auszeit zu brauchen, ist für mich immer ein Zeichen von Überforderung, für ein "Leben im Falschen" gewesen, nun fühle ich häufiger diesen Fluchtimpuls, der sich wie Sehnsucht anfühlt, aber doch wieder nicht wirklich, nicht echt ist. Die für mich wichtige Frage lautet: Was ist eigentlich meine Verantwortung? Und in welcher Reihenfolge?






Diese Frage zu beantworten, hilft mir ungemein und sie bringt mich immer wieder zurück in mein Leben, in den Moment. Und dieser Moment ist aushaltbar, ist lebenswert und sogar sehr schön! Jedenfalls viel leichter, als das, was mir meine Gedanken an Verantwortung durch Mitwissenschaft weismachen wollen. Und daran halte ich mich fest, denn der aktuelle Strudel der Gedanken und Emotionen der weiteren Umwelt macht mich schwach.






Meine Kraft und meine Präsenz wird jedoch benötigt -und wie bin ich dafür dankbar- von meinen Kindern, meiner Familie und meiner Gemeinschaft. So bleiben wir hoffentlich offen, empathisch und zur Hilfe auch fähig. Übrigens könnt ihr uns jetzt auch bei Facebook finden.