Montag, 11. April 2016

Mitten aus dem Frühling



Da ist er endlich, der echte Frühling! Nicht der herbeiersehnte, der gedachte, der kalendarische oder der sonstwie definierte, sondern der erlebte, erfahrene, erspürte, von allen gelebte Frühling!





Und was für einen Unterschied es doch macht für uns alle, ob wir etwas real erleben oder nicht. Egal, ob virtuell, erträumt oder in der Vorstellung erlesen, es mag uns in dieser fernen Welt noch so real erscheinen, sobald wir aufwachen, der Rausch nachlässt, das Buch zu Ende ist, wir wissen immer genau, wann wir wieder in der Wirklichkeit sind. Als Kind haben mich des öfteren Albträume gequält, die ich als sehr lebendig erlebt habe. Selbst, wenn ich aufgewacht war, blickte ich auf die erträumten Erlebnisse als wertvolle Erfahrungen zurück - und doch: den Augenblick, an dem ich wach war, lebendig, in der Realität, im Hier und Jetzt, den konnte ich immer unterscheiden.





Unsere Generation hat ein Faible für virtuelle Erfahrungen. Filme in 4D, Rollenspiele mit möglichst starkem immersiven Design, selbst romantische Urlaubssettings sollen Träume Wirklichkeit werden lassen, unsere Erlebniswelt nicht nur erweitern, sondern eben auch unseren Wunschvorstellungen kontrollierbarer machen. Kontrolle soll uns sogenannte negative Erfahrungen und Schmerz ersparen, soll die lustvollen Momente verlängern und uns die Erfahrungen bescheren, die wir uns selbst schenken. Leben "light", Leben "sauber", korrekt, ohne Blut, Sünde, Schmerz oder eben genau das Gegenteil: Tod, unethischen Sex, Gewalt, aber ohne "echte" Konsequenzen, Verletzungen, Verwicklungen, Hass.





Wir sind es so gewohnt, das Leben als "Nintendospiel" (mit beliebig vielen Anfängen) zu leben, als Rollenspiel, in dem man das Hauptquest gewinnt, egal ob man den Zauberer, Druide, Krieger oder Ork mimt. Wir beobachten Menschen, die Rollen spielen und sie uns als das reale Leben verkaufen und wir nennen es Mediendemokratie, wenn wir dieselben Schauspieler aufgrund ihrer gespielten Rollen im realen Leben verfolgen. Wir nehmen legale oder illegale Drogen und Medikamente, um schmerzhafte Lebenserfahrungen in positive umzuwandeln, oder ganz auszuschalten und wir benutzen dieselben Drogen als Ausrede, um für unsere Taten nicht zur Verantwortung gezogen zu werden.  





Und doch, die Realität holt uns nicht nur ein, sie ist immer da. In Wirklichkeit, mit aller Konsequenz, lässt sich nicht wegschummeln, nicht mit plagiierten Dissertationen, nicht mit gefälschten Wahlergebnissen und nicht mit noch so harten Drogen. Was für ein Geschenk und wie schön! So rosig wir uns die Weltpolitik auch malen mögen, die Grautöne holen uns ein, wie schwarz wir unsere Zukunft auch sehen mögen: unsere Kinder schaffen sich ihre eigene. Unsere Vorsorgen von heute sind möglicherweise unsere Schulden von gestern und für unsere Entscheidungen des Jetzt bekommen wir erst im Morgen die Rechnung präsentiert. Also was bleibt?






Uns bleiben auf jeden Fall die Erfahrungen von Tausenden von Generationen. Wir sollten dankbar dafür sein, was Menschen nicht schon alles probiert haben: den Augenblick zu leben, den Reichtum zu verehren, Konflikte mit Morden und Kriegen zu lösen. Sie haben Verrat begangen, Schulden eingelöst, gespart, verschwendet, gespielt, geschaffen, Kinder geboren und wieder getötet. Sie haben Götter verehrt und ihren Nächsten geliebt, Tiere ausgebeutet, Wälder gerodet, Geschichten erfunden und wieder vergessen, Lügen erzählt und die Wahrheit verfolgt. Sie haben ihre Väter verehrt und ihre Mütter verlassen, sie haben das Fremde überhöht und die eigene Kultur erhalten, Bücher geschrieben und verbrannt, Gesetze entworfen und Revolutionen geführt: was können wir dem noch hinzufügen?






Vielleicht ist es genau dieser Druck der Erfahrungen und des Wissens, dem wir uns entweder beugen in der Betriebsamkeit des Hamsterrades der Bedeutung des persönlichen Lebens oder eben auch aus der Flucht in der Befreiung desselben. Und dabei ist das Leben immer nur der Moment, sind die einzigen, die diese Momente zu Geschichten zusammenfügen und ihnen Bedeutung verleihen genau wir selbst. Die Kunst, beides zu leben, den Augenblick und die individuelle Kulturgeschichte nennt man gemeinhin Weisheit.





Diese Weisheit ist keine einfache, obwohl die wesentliche kognitive Essenz sehr trivial und tausendfach verschriftlicht und dokumentiert wurde: vor dem Tode sind wir alle gleich und doch müssen wir leben als seien wir unsterblich. Im Prinzip beginnt die Ernsthaftigkeit eines jeden individuellen Lebens erst damit: mit der Realisierung dessen, dass einem jeden nur dieses eine Leben gegeben wurde. Damit beginnt auch erst die Verantwortung und ist das Spielerische und das Virtuelle, das Traum- und Rauschhafte aufgebraucht. Diese Erfahrung durfte jeder machen, der bereits ernsthaft erkrankt war, eine Nahtoderfahrung erlebt hat oder dem bewusst wurde, dass er den größten Teil seines Lebens aus statistischer Sicht verbraucht hat.









Natürlich haben kognitive Konzepte wie Kultur, Nation, Familie, Staat oder andere Ideen und Vorstellungen von Zugehörigkeit in jeder Epoche diese individuelle Verantwortung vom persönlichen Leben zu überschreiben vermocht. Manchmal mehr, sehr oft viel weniger sinnvoll. Heutzutage nimmt die globale Verantwortung des "Weltbürgers" geradezu absurde Züge an. Da wird aus einer kausal losgelösten  Kette des Statuses und des Wissens Verantwortung eingefordert, die nur rein moralisch und niemals praktisch sein kann. Und auch hier haben bereits Menschen zu Anfang des 20. Jahrhunderts so ein Leben vorgelebt, ihr Leben für ein anderes geopfert. Menschen sind aus konzeptuell-philosophischer Solidarität nach Spanien oder Kuba gereist und haben getötet und wurden getötet, ohne nach ihrer eigenen biographischen Verantwortung oder Aufgabe zu fragen.






Ich frage mich auch heute, warum ist es so viel einfacher, Menschen aus anderen Kulturkreisen, Menschen, die aus unserer moralischen Perspektive einiges an Schuld tragen, in die Arme zu schließen, als Menschen, die bereits seit 20 Jahren die gleiche Staatsbürgerschaft haben, wie wir? Warum werden Nazis und Neonazis "bekämpft" und nicht geliebt? Warum bleibt die Integration der Langzeitarbeitslosen und Alkoholsüchtigen auf dem Papier? Warum begegnet man den 20.000 Menschen im Regen und in der Kälte nicht mit Liebe, sondern empfindet sie als Gefahr, die unterdrückt werden muss? Man sollte meinen, dass uns deren Integration leichter fallen sollte. Immerhin sprechen sie dieselbe Sprache, haben einen ähnlichen Schulabschluss und teilen große Teile der Kulturgeschichte. Dennoch scheint die Offenheit gegenüber Menschen, die sich mehr oder weniger gewaltsam Zugang nach Europa geschaffen haben, deutlich größer.






Um es noch ganz deutlich zu sagen: ja, ich finde, dass Ertrinkenden, Frierenden, Hungernden geholfen werden sollte, auch wenn sie ungebeten kommen. Und nein, es folgt kein aber. Ich halte es für nötig, diesen Satz zu schreiben, weil es mir nicht um Frontenbildung geht, um kein: "Eher, die als die anderen." und auch nicht "Nur denen und unter diesen Bedingungen." Es geht mir um das Prinzip der Eigenverantwortlichkeit und der Hilfe zur Selbsthilfe. Ich betrüge nicht und mag keine Ausbeutung, auch wenn ich weiß, dass von unseren Steuergeldern Unrecht finanziert wird. Auch wenn ich weiß, dass unser Wohlstandsgefälle so groß ist, dass es unmoralisch wird, in Asien gefertigte Kleidung und Autos zu kaufen. Und doch trage ich dafür keine Verantwortung. Das finde ich wichtig, zu sagen. Ja, Wissen verpflichtet, aber nicht bis zur Schuld. Diese bleibt bei den Tätern und da gehört sie hin.  





Ich finde es verwirrend, die moralische Last auf die Schultern von Konsumenten zu legen. Ja, Konsumenten haben Macht, und zwar die der Nachfrage, aber nicht sie sind es, die den Auftrag erteilen, Wale abzuschlachten, Ölbohrungen zu vollziehen und Regenwälder zu roden. Sie geben die Mittel und sie sind auch die Rechtfertigung. Und ja, sie haben die Macht, die Nachfrage zu beeinflussen und die Mittel für kriminelle und todbringende Machenschaften zu verweigern. Aber sie tragen eben nicht die Verantwortung! Diese Verwirrung um Mitschuld ist eine sehr kindliche und rührende, wenn man sie sich auf individuell-psychologischer Ebene ansieht. Es ist eine sehr alte Geschichte vom Schutz der Täter und der kindlichen Allmacht. Auch sie wurde uns bereits tausendfach erzählt und hat noch niemandem seine Schuld oder Verantwortung genommen.






Wie so oft plädiere ich für das eigene, echte Leben. Im Zen sagt man: "Vor der Erleuchtung: Holz hacken und Wasser tragen. Nach der Erleuchtung: Holz hacken und Wasser tragen." Für den modernen vernetzten Menschen könnte es heißen: "Vor den Nachrichten: um die eigenen Verantwortlichkeiten kümmern. Nach den Nachrichten: um die eigenen Verantwortlichkeiten kümmern." Eure Kinder und eure Gesundheit werden es euch danken...