Dienstag, 31. Mai 2016

Vom Morgen danach...


Momentan ist es im Randowtal einfach schön. Korn- und Mohnblumen verzieren die Gerstenfelder, kleine Kälber stehen bei ihren Müttern auf der Weide und werden von ihren beeindruckenden Vätern beschützt. Ganz dicht neben den Wegen kauern Rehmütter und blicken mich aus ihren riesigen Augen an. Sie können nicht fliehen, denn sie bleiben bei ihrem Nachwuchs.





Und gerade das ist ihre Rettung. Das hüfthohe Gras können weder meine Hunde noch andere Räuber überblicken und solange meine Sichtjäger das Wild zwar riechen, aber nicht fliehen sehen, sind sie für mich auch ansprechbar. Und so laufen wir gesittet an der Rehmutter vorbei, beobachten den Flug der Kraniche und lassen uns von den Kühen verjagen.




Kaum ist das Gras im Randowtal frisch gemäht, treffen sich am nächsten Morgen Reh, Fuchs, Störche, Graureiher, Möwen, Krähen, Rotmilan und Bussard, um sich die nun fast schutzlos gebliebenen Mäuse und Frösche zu teilen. Natürlich sind auch meine Hunde beeindruckt von der brachliegenden Speisekarte und wissen nicht, was sie zuerst tun sollen: die riesigen Vögel mit den langen Schnäbeln von "ihren" Mäuselöchern verjagen oder auf Maulwurfjagd gehen?





Die Störche lassen sich von den komisch kläffenden "Hasen", die über die Felder flitzen nicht beeindrucken. Gehärtet durch ihre abenteuerlichen Flüge zwischen den Kontinenten verscheuchen sie routiniert meine aufdringlichen Langhaarwhippets. Diese widmen sich auch recht schnell wieder den Mäuselöchern, die überall offen liegen und übersehen selbst das am Feldrand grasende Reh und den die Situation abcheckenden Fuchs. Leider konnte ich die beiden nicht besser fotografieren, da ich sonst doch die Aufmerksamkeit der Hunde auf das Wild gerichtet hätte. 





Ich selbst war ganz erschlagen von der Artenvielfalt des Randowtals und dem Spektakel, das sich auf so wenigen Quadratmetern abspielte. Gerne hätte ich einen der hölzernen Hochsitze genutzt und dieses Schauspiel noch ein wenig länger genossen, doch war mir das in der Gesellschaft meiner Jäger aus der Zivilisation dann doch etwas zu unhöflich den Wildtieren gegenüber. Schließlich haben sie ihren Nachwuchs zu versorgen und keinen Sinn für die menschliche Romantik aus dem Dschungelbuch.





Doch letzten Endes sind die dankbaren Blicke meiner Fellnasen, so als würden sie mir sagen: "Super, dass Du dieses wunderbare Abenteuer organisiert hast!"  für mich Paradies genug.

Samstag, 28. Mai 2016

Mit Einzelhund in Prenzlau



Es gibt Themen, die werden in unregelmäßigen Abständen immer wieder aktuell. Die Vorteile oder auch Nachteile der Mehrhundehaltung vs. der traditionellen Haltung eines einzelnen Familien- bzw. Begleithundes gehören ganz sicher dazu. Sei es, dass Hundehalter überlegen, ob eine "Aufstockung" ihres Bestandes an Vierbeinern zu einer unbequemen Einbuße an Lebensqualität führt, sei es, weil man im Bekanntenkreis einen Mehrhundehalter hat, den es sozial zu bewerten gilt - oder den man vielleicht auch einfach besser verstehen lernen möchte.






Seltener diskutieren Mehrhundehalter die Frage, ob ihre Hunde denn als Einzelhund ein besseres Leben führen könnten. Dabei gibt es sie ganz sicher: die geborenen Einzelhunde. In meinem Rudel sind es Nelly und Flo, die wahrscheinlich auch als Einzelhunde sehr glücklich geworden wären. Und doch sehe ich, wie sie sich auch im Rudel wohl fühlen und vor allem auch persönlich weiterentwickeln. Dabei wird Nelly von ihrer Mutterliebe zu Tochter Hope unterstützt und profitiert Flo von ihrer unglaublich stark ausgeprägten Fähigkeit, sich die wichtigsten Dinge zum Überleben von anderen Familienmitgliedern abzuschauen. Nelly gewinnt Sicherheit durch das Beobachten der anderen Hunde aus dem Hintergrund - fühlt sie sich gezwungen, Konflikte oder Probleme selbst zu lösen, so vertraut sie der Strategie "Mit viel Lärm nach vorn!". Einer wird sich schon beeindrucken lassen und wenn nicht, so kann sie immer noch fliehen. Flo hingegen hat wahrscheinlich schon aufgrund ihrer elfenhaften 3 kg leichten Gestalt gelernt, nicht allzu sehr auf ihre Präsenz und auf Abschreckung zu bauen. Sie bemüht sich deshalb durch intensive Kontaktaufnahme, Unterwerfung und einem reichhaltigen Angebot an Zärtlichkeiten und Körperkontakt in der Gunst des "Machtinhabers" aufzusteigen. Zumindest soweit, dass für Nahrung, Sicherheit und Wärme gesorgt ist. Beide Hündinnen sind demnach sehr mit der Kontrolle ihrer Umgebung beschäftigt und wenn sie es durch andere Rudelmitglieder lernen, ihr Strategiepotential auszuweiten, so gewinnen sie dadurch ganz gewiss an Lebensfreude und Gelassenheit.





Wenn also Befürworter der Einzelhundehaltung von "symbiotischer Verschmelzung" und wortlosem Verstehen sprechen, so wäre es manchmal gut, in sich zu gehen und zu beobachten, ob man sich wirklich gegenseitig fördert (im Sinne einer persönlichen Weiterentwicklung), oder ob man es sich vielleicht bequem gemacht hat in einer partnerschaftlichen Beziehung, die die jeweiligen Schwächen des anderen stützt und vielleicht sogar verstärkt. Die seelische Hilfestellung, die einem durch die Gesellschaft eines Hundes zur Verfügung steht, sollte man natürlich dabei nicht unterschätzen. Ich habe selbst noch immer, selbst ein halbes Jahr nach Mayas Tod und mit anderen Hunden gesegnet, mit dem Verlust an Sicherheit und Geborgenheit zu kämpfen, welche ich durch ihre Präsenz dazugewonnen hatte. Ein schönes Buch zu dem Thema findet ihr in den bereits empfohlenen Geschichten zur tiergestützten Arbeit.






Was Einzelhundbefürworter allerdings sehr häufig übersehen, wenn sie die Vorteile der Einzelhundhaltung aufzählen ist, dass Mehrhundehalter auch nach Wunsch den Einzelhundhalter mimen können. Sie schnappen sich einfach einen Hund aus ihrem Rudel, der gerade Lust -oder der es nötig hat- und machen all die Dinge, die Einzelhundhalter für sich beanspruchen: sie gehen in Cafes, fahren mit den Öffentlichen, übernachten in Hotels, während die anderen Hunde immer noch einander haben. Und natürlich stimmt es: Unternehmungen, die mit 6 oder 7 Hunden zu Stressveranstaltungen ausarten, sind mit Einzelhund entspannt, intim und sozial anerkannt. So kam ich letztens, als ich mir Hope schnappte und einen Morgen nur mit ihr zusammen, ganz ohne weiteren Menschen oder Hund, in Prenzlau verbrachte, auch mit verschiedenen anderen Prenzlauern oder Prenzlaubesuchern ins Gespräch. 





Mit Einzelhund lassen sich die Prenzlauer Gärten, angelegt durch die LAGA 2013, besonders entspannt genießen und auch die Cafenachbarn haben weniger Angst um ihre körperliche Unversehrtheit als in Gegenwart eines größeren Rudels. Je länger ich in der Uckermark lebe, desto mehr gewinnt die Stadt Prenzlau in meinen Augen. Als Großstadtkind hatte ich anfangs meine Mühe mit der nach Kriegsende fast völlig zerstörten Stadt, deren architektonische Zerrissenheit Sinnbild für die Geschichte Ostdeutschlands ist. Doch nun habe ich mich eingelebt und eingesehen in die kleinen, für Touristen nicht sofort ersichtlichen Ecken und Kanten der kleinen Stadt, habe ich meine Lieblingsecken gefunden und wache ich etwas eifersüchtig über den Erhalt der liebenswerten Verschlafenheit, Intimität und Ruhe der kleinen Stadt.





Waren vor ein paar Jahren noch die täglichen Fahrten in die Stadt am Unteruckersee ein notwendiges Verlassen meines Randowtaler Idylls, so freue ich mich inzwischen auf diese kurzen Ausflüge und schiebe neben den Alltagsbesorgungen immer ein paar Minuten "Prenzlauzeit" ein - natürlich mit ein oder zwei Hunden.


Sonntag, 15. Mai 2016

Maitage im Randowtal


Nun stehen sie vor der Tür, die Eisheiligen nach dem Julianischen Kalender. Zwar wäre kalendarisch bereits heute, am 15. Mai der letzte der kalten Maitage ("Pflanze nie vor der kalten Sophie."), aber meteorologisch stehen sie gerade... auf der Schwelle.








Aber eigentlich war er ja schon da, der Vorgeschmack auf den kommenden Sommer und die Entschädigung für die überstanden letzten Monate (Keine Sorge, es warten noch 6 Beitragsentwürfe mit Bildern voller Nebel und uckermärkischem Matsch...), Tage, die mich wünschen lassen, das Konzept Zeit ganz zu verabschieden und einfach nur im Sein aufzugehen. Zeit, was für ein nützliches und an die Praktikabilitäten des Alltags gebundenes Konzept der zwischenmenschlichen Kooperation! Schwer zu verstehen und dem menschlichen Verstand nur über die Brücke der Veränderung zugänglich. Der menschliche Geist gewöhnt sich sehr schnell an die Veränderung und mag Wiederholungen nur bis zu einem  gewissen Grade, der ihm ein individuelles Maß an Sicherheit garantiert. Alles darüber hinaus wird gerne als "Langeweile" bezeichnet.






So ähnlich funktioniert auch meine Beziehung zu diesem Blog. Soll ich wirklich ein weiteres Mal über Ostern oder Pfingsten schreiben? Soll ich weitere Bilder aus dem Randowtal posten, die sich kaum von den Bildern des vergangenen Jahres unterscheiden? Die Natur ist da feinsinniger: sie erneuert sich, ohne sich zu wiederholen - für das menschliche Auge so leicht zu übersehen. Da steht die Kastanie, die ich seit einigen Jahren fotografiere, da ein gespaltener Baum, einsam inmitten einer Wiese: noch immer treiben seine Äste aus, wer weiß schon, was das Universum noch mit ihm vorhat?






Der Japaner begehen das Fest Hanami, in der die Kirschblüte, Sakura, gefeiert wird. Das Internet ist überschwemmt mit rosig-zarten, ästhetisch in Szene gesetzten Bildern von gepflegten Kirschbäumen - ich selbst war überwältigt von der über Nacht vollzogenen Apfelblüte in unserem Garten. Kräftiger und robuster und klarer als die japanische Kirschblüte, vermittelte sie mir Sicherheit und Vertrauen in den Frühlingsanfang, mehr als die zarte, an Vergänglichkeit erinnernde Kirschblüte. Womit wir wieder bei den Eisheiligen wären. Vor diesen kalten Maitagen sollten keine empfindlichen Pflanzen dem alten uckermärkischen Boden anvertraut werden, so lautet die Erfahrung von 100 Generationen.   






Dass die Uckermark seit Jahrtausenden besiedelt wird, davon zeugen so einige archäologische Fundstücke aus der Stein- oder auch aus der Bronzezeit. Interessant finde ich immer wieder, wie Menschen versuchten, ihre Spuren in dieser Welt zu hinterlassen. Gelungen ist das so einigen - so für 3000 Jahre vielleicht, danach ist auch ihr Schicksal vergessen und bleibt nur ein Satz oder auch zwei in Stein geritzt, der ihren Namen erwähnt. Große Herrscher mit Macht und Einfluss, Menschen, die unglaubliche Opfer gebracht haben, Menschen, die gesündigt haben: vergessen oder mit der toleranten Milde der Bücherweisheit betrachtet.





Dieser weise Abstand, der täte uns manchmal im Alltag gut, doch sind wir eigentlich hier auf der Welt, um sie so hautnah und "gefühlsecht" zu erleben, wie es nur geht. Welche Erfahrungen ihren Weg in die Geschichte des Universums finden, ist selten unsere bewusste Entscheidung. Dank moderner Gentechnik weiß ich beispielsweise, dass ich mit einem mindestens 18000 Jahre altem Körperprogramm durch die Welt laufe. Neandertaler und Denisovavorfahren haben ihre Weisheiten in meiner DNA hinterlassen und mir mit demselben System den Hautausschlag beschert, der mich das letzte Jahr gequält hat, das mich sonst sehr schnell von Infekten und Verletzungen genesen lässt. Wie sinnvoll ist hier eine Bewertung? Mir fällt gerade kein guter Grund ein.





Und selbst auf der menschlichen Ebene: menschliche und tierische Begleiter unseres Lebens sind verstorben und andere erleben gerade ihr erstes Lebensjahr. Versucht man diesen Wandel kognitiv zu erfassen, so erscheint einem der Lauf des Lebens wiederum rasend schnell, ganz anders, als wenn man sich an den kalendarischen Ereignissen und Tagen orientiert. Pandora erlebt in drei Tagen ihren 6. Lebensmonat und India gerade ihre zweite Läufigkeit. Was interessiert sie Pfingsten und das Wissen, dass die Sprache der Liebe und Vergebung universell - und allen - verständlich ist? Das wissen die beiden längst und sie sind es nicht, die in Versuchung geführt werden, uns selbst oder unsere Werte über die anderer zu stellen, sei es aus Unwissenheit, sei es aus Arroganz.






Ich wünsche allen ein besinnliches Pfingstfest! Sollte es an Sonnenschein mangeln, dann zumindest nicht an Liebe und Geborgenheit. Und denkt daran: es braucht nur einen, um eine glückliche Beziehung zu führen!