Dienstag, 15. November 2016

Über das Loslassen und den Herbst




So langsam neigt sich der Herbst dem Ende zu: die bunten Blätter verlieren ihre Leuchtkraft und einigen sich auf ein Einheitsbraun, das fast unmerklich ins Graue übergeht, um schließlich ganz die Gestalt eines Blattes zu verlassen und auch für diejenigen unter uns, die gerne an den Formen festhalten, nicht mehr als Blatt erkennbar zu sein. 





Auf dieser Ebene betrachtet, ist das Loslassen eigentlich nichts besonders Schweres, sondern im Gegenteil, eher ein Dem Lauf der Dinge folgen. Loslassen müssen wir erst dann lernen, wenn wir eigentlich festhalten wollen. Einen besonders schönen Sommer, ein wunderschönes Blatt, einen geliebten Hund. Wobei wir uns den Sommer in unserem Geist erst als Jahreszeit geschaffen haben und auch das Blatt eben in diesem flüchtigen Zustand so gerne länger behalten hätten. Mit dem Hund ist es schon wieder etwas anders: auch er ist ein Lebenwesen, das seine Form ständig ändert, seinen Charakter und seine Gewohnheiten formt und als Haustier Hund genauso wandelbar und unaufhaltsam ist wie das Blatt. Doch da ist eben auch die Hundesseele, mit der unsere eigene Menschenseele ganz unvermeidlich in Kontakt tritt und damit sind wir die Treppe der Wandelbarkeit schon ein ganzes Stückchen höher geklommen. So schnell ändern sich weder Menschen- noch Hundeseelen.  





So geht die Mensch-Hund-Seelenbindung schon über den Tod des einen Partners hinaus. Aber auch Pläne, Träume, Wünsche, Gewohnheiten wollen losgelassen werden. Unsere Nina war der Familienhund und verbrachte die meiste Zeit mit den Kindern. Sie schlief im Bett meines Sohnes, brachte ihn zur Schule und holte ihn ab. Sie begleitete ihn beim Fahrrad fahren, Fußball spielen und war der einzige Grund, warum er sich zu Fuß durch das Randowtal "quälen" würde. Auch diesen Alltag haben wir nun losgelassen, genauso wie unsere Bilder von einer gereiften, älteren Retrieverdame, die Nina nie wurde.





Ich habe eine zeitlang überlegt, ob es Sinn macht, diesen Blog weiter zu führen. Ich bin gerührt, über die vielen täglichen Hits, die die "Zwei Amerikaner" noch immer bekommen, doch ich kann auch fühlen, dass das Wesen und die Form sich ändern werden. Nein, tot ist diese kleine Kreation nicht, aber eben auch nicht formbeständig und fest. Losgelassen habe ich also die Vorstellung, etwas über den Sinn oder Unsinn dieser Texte sagen zu wollen. Mag die geneigte Leserschaft über diesen Punkt entscheiden. Ich werde wieder schreiben oder eben nicht schreiben, so wie es meinem eigenen Fluss entspricht.  





Seit meinen letzten Beiträgen ist das Leben hier im Randowtal weiter gegangen. Mal konnte ich mithalten, mal gelang es mir weniger gut und hätte ich die Zeit am liebsten angehalten. Das kleine Barsoimädchen Faradiba ist inzwischen größer als meine verstorbene Hündin Maya jemals war. Im Kopf allerdings ähnelt sie noch immer einem Windspielwelpen: nur passt sie leider nicht mehr in "ihre" Kudde auf dem Fensterbrett und muss mit den Sofas vorlieb nehmen. Das schwarze Windspielmädchen Pandora hat sich zu einer wunderschönen Dame entwickelt, hat ihre ersten Ausstellungserfahrungen gesammelt und ist zu einer guten Partnerin für die Amerikanerin India geworden. 





Aufgrund der inzwischen doch recht großen Gewichtsunterschiede: Flo wiegt etwas über 3kg, während Faradiba über 26kg wiegt, habe ich mir angewöhnt, mit den Windspielen und den "Flusen" getrennt zu laufen. So haben sich meine täglichen Spaziergänge durch die Uckermark zu einem meiner wichtigsten Alltagsbestandteile entwickelt. Ich laufe inzwischen weniger für die Hunde als mit ihnen, mal mit Kamera, mal ohne, aber meistens doch "mit". Erinnerungen sind im Grunde genommen Geschichten, und so wie sich unserer Alltag ändert, so ändern sich auch unsere Geschichten. Ich erinnere mich nun sehr gerne daran, wie ich bereits mit knapp 10 Jahren mir eine damals fremde Stadt in der Ukraine -das schöne Kiev- erlaufen habe. 





Vielleicht ist auch das ein Teil der Sinnhaftigkeit dieses Blogs. Geschichten aufzuschreiben, solange sie frisch sind, denn wir teilen und hören voneinander eigentlich nur die Dinge gern, die lebendig sind. Die toten und unveränderlichen Dinge sind nicht so schön zum Teilen...