Mittwoch, 25. Januar 2017

Vom Wunsch, Recht zu haben...



Ich vermute, jeder kennt dieses wunderbare Gefühl, "im Recht zu sein": man stellt eine Vermutung, eine Behauptung oder gar eine Hypothese auf, dann folgt der Test über die Realität oder das Experiment und "Tadaaaa!" es stimmt! Es gibt den vermuteten Zusammenhang, der Rückruf klappt, die Schulterhöhe des Welpen übersteigt nicht das Regelmaß, die Sonne scheint, ganz wie wir es vorhergesagt haben.





Dieses wunderbare Gefühl betrifft jedoch meistens unsere Vermutungen über die Zukunft, die gewissermaßen im Unsicheren liegt. Wenn wir über die Vergangenheit oder gar über allgemeine Wahrheiten reden wollen, dann werden wir schlagartig viel ernster. Plötzlich ist es uns ganz wichtig, dass unsere Erfahrung, unsere Wahrnehmung stimmt - sind wir bereit für die "Wahrheit" zu kämpfen. Warum eigentlich?

Betrachten wir die geschriebene Menschheitsgeschichte, dann ist dies die Version der Mächtigen und Gebildeten, ob das jetzt eine solch schlechte Wahl für die Geschichtsschreibung war, sei dahingestellt, aber die Einseitigkeit dürfte jedem auffallen. Umso schöner ist es auch, verschiedene Sichtweisen ein und derselben Handlung kennenzulernen und moderne Romanautoren kommen diesem Wunsch auch oft nach. Hören kann mensch jedoch in erster Linie nur mit einem wirklich offenen Ohr und Gehirn: wenn wir demnach nicht den Ausgang selbst bestimmen wollen.




Warum fällt es uns so schwer, andere Erfahrungen und Erlebnisse, andere Sichtweisen so stehen zu lassen, ohne mit einem Rotstift in der Hand, an ihnen herumzufeilen, bis wir uns um des lieben Friedens willen auf eine Version einigen können? (Meistens ist dies übrigens eine Version, die weder literarisch noch emotional befriedigt.) Warum können wir sogenannte Fehler und Missverständnisse so schlecht aushalten? 

Zum einen ist da unsere Liebe zur "absoluten Wahrheit", aber noch viel mehr steht uns unser eigenes Gehirn im Wege. Wir machen uns ein Bild von uns selbst und unserer kleinen Welt, wird dieses Bild angegriffen, dann fühlen wir uns selbst bedroht. Wie eigenartig! Dabei ist es überhaupt nicht sinnvoll, dass jeder die Welt auf dieselbe Art sehen sollte, wie wir selbst. So ein Gehirn ist schon eine recht fragile Angelegenheit und da kann es einige unsinnige Projektionen geben.






Während die meisten Gemüter auf der Ebene der Wahrnehmung noch recht cool bleiben: "Ah, für Dich ist das Boot also orange? Ich sehe es eher rot..." werden wir schnell hitzig, sobald wir die Beobachtungsebene verlassen und uns an Bewertungen machen. "Ach, dieser Hund ist aber viel zu dünn angezogen, wunder Dich mal nicht, wenn der sich demnächst eine Lungenetzündung einfängt!" Das Problem dabei ist, dass Bewertungen anders als Wahrnehmungen binär sind, also von uns entweder als GUT oder SCHLECHT einsortiert werden müssen. Da hilft auch kein: "Also es geht mich ja nichts an.." oder "Es bleibt natürlich ganz Deinem Ermessen überlassen..." - solange wir die Bewertung nicht wirklich ganz beim Bewertenden  lassen und sein Weltbild ihm so lassen können, wie er es haben möchte, fühlen wir, wie unserem eigenen Weltbild der Boden entzogen wird.




Nun gibt es natürlich immer wieder Menschen, die diese harten Landungen und Paradigmenwechsel durchaus genießen, aber die meisten von uns kommen an einen Punkt, an dem sie sich entscheiden müssen: "Mein altes liebgewordenes Weltbild oder doch das neue, etwas bedrohliche?" Bei einem unerwarteten Kompliment fällt es uns noch leichter, zwischen einer Schmeichelei und realistischer Wahrnehmung zu unterscheiden, bei Kritik tun sich die meisten von uns schon schwerer. Nun bleibt uns natürlich immer der Rettungsanker, uns zu sagen: "Ich halte an meiner Wahrnehmung und meiner Bewertung fest! Wenn für mich der Hund im Maß ist, dann ist es mir egal, wie die anderen zu ihrer Messung der Schulterhöhe kommen, wenn sie von der von mir gemessenen abweicht." Das kann man immer tun, und solange frau den anderen das Recht auf ihre eigene Messung und Wahrnehmung lässt, gibt es auch keinen Konflikt - im Außen.




Ob diese Haltung allerdings auch im Inneren glücklich macht, hängt ganz davon ab, wie gut man mit seinen eigenen Gefühlen umgehen kann. Oft kann eine andere Wahrnehmung und Bewertung als die der "anderen" die eigene unmittelbare sozial-wirtschaftliche Lage beeinflussen - gelebte Konflikte sorgen meist für eine Veränderung im Leben der Beteiligten. Schon aus diesem Grunde haben wir gelernt, entweder Konflikten aus dem Weg zu gehen, oder aber eine Entscheidung mit Gewalt herbeizuführen, denn auch eine demokratische Mehrheitsentscheidung ist letztendlich Gewalt, wobei sich eine oder mehrere Parteien der größeren unterordnen.  Mitgefühl und Akzeptanz sind demnach Grundvoraussetzungen für die Funktionsfähigkeit eines solchen Systems, genauso wie ein hohes Maß an Aufrichtigkeit und Vertrauen zu sich selbst und auch in die relative Gewaltlosigkeit und Annahme der Umwelt. Der durch die Meinungsverschiedenheit aufgeworfene Abgrund kann nur auf der Gefühlsebene wirklich überwunden werden! Erst auf der seelischen Ebene spüren wir wieder unsere gemeinsame Basis, wenn uns unser Gehirn so weit voneinander getrennt hat. Um "Recht zu haben", bezahlen wir oft einen sehr hohen Preis, deswegen ist die Frage von M.B. Rosenberg: "Willst du Recht haben oder glücklich sein?  Beides geht nicht.“  eine sehr gute!


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