Dienstag, 4. April 2017

Aus der Fastenzeit




Während der Frühling in der uckermärkischen Landschaft bereits im vollen Gange ist, müssen die Schulkinder noch ein paar Tage auf die Osterferien warten. Wir befinden uns mitten in der Fastenzeit. Ganz besonders in meiner Jugend habe ich das Fasten sehr stark auf die körperliche Ebene bezogen. Und auch heute empfinde ich den Prozess des bewussten, reduzierten Essens oder auch die gänzliche Umstellung des Stoffwechsels in den Fastenmodus als sehr hilfreich, um mehr Ruhe, Vertrauen und ein Besinnen auf die inneren Prozesse und Vorgänge zu erfahren. 





Inzwischen finde ich den Begriff des Fastens jedoch als meist zu eng gefasst. Die Fastenzeit (immerhin 40 Tage) kann für weit mehr genutzt werden: für eine Bewusstwerdung all der Dinge, die uns im Alltag unfrei machen. Das sind ganz sicher nicht nur der Konsum von lieb gewonnenen Nahrungs- und Genussmitteln, sondern auch andere Angewohnheiten und Konsumgütern des Alltags. Passend zu diesem Gedanken hat das Leben mich seit über einer Woche von zwei Dingen befreit: einem DSL-Zugang einem Auto. 





Tief in der weiten Uckermark gelegen, wie unser Zuhause im Randowtal nun einmal ist, sind diese beiden Verzichtsübungen durchaus ein echter Anlass, über ein paar Veränderungen in der Lebensführung nachzudenken. Dass das Internet seit 20 Jahren eine große Rolle in meinem Leben spielt, war mir natürlich auch schon vorher bewusst, der Unterschied zwischen dieser Einsicht und der Erfahrung, wie sich ein reduziertes "Online-Leben" anfühlt, ist jedoch riesig.




Abhängigkeiten entstehen meist schleichend und nehmen irgendwann sehr viel Raum in unserem Leben ein. Das hat Auswirkungen auf unser inneres Erleben und auf unsere Wahrnehmung und Wirken im Außen. Letztendlich sind sowohl die Familie als auch über unsere Familienmitglieder - Menschen betroffen, zu denen wir gar keinen so engen Kontakt pflegen. Dass meine Kinder beispielsweise sehr viel mehr Zeit im Auto verbringen, als es ihnen als Stadtkindern möglich wäre, wurde uns recht schnell klar, nachdem wir "aufs Land" gezogen sind. Eine Anpassung unserer kulturellen Gewohnheiten und unseres Konsumverhaltens an diese Erkenntnis hat allerdings Jahre gebraucht. Das waren auch die Jahre, die meine Kinder mitgeprägt haben. Jetzt hat mich die fehlende Motorisierung der letzten Tage zwar etwas eingeschränkt, aber nicht wirklich behindert oder in mir einen Gefühl des Mangels entstehen lassen. Das hat mich wirklich gefreut, denn ich weiß, dass ich vor wenigen Jahren noch ganz anders empfunden hätte





Nun sollte uns Fasten von unseren Zwängen frei machen und ist natürlich kein Wettkampf. Weder, was die Buße oder die Nächstenliebe, noch was die "Entgiftung" oder den "Verzicht" betrifft. Natürlich erfüllt es einen mit Stolz auf die eigene Anstrengung des Geistes und des Körpers, sobald man ein paar Tage auf feste Nahrung oder Alkohol oder das Internet verzichtet hat. Sich an dieser Leistung jedoch festzuhalten, bringt nur einen kleinen Teil des eigentlichen Gewinns. Der besteht nach meiner Erfahrung in der Bewusstwerdung dessen, was "ein Zuviel" an Nahrung, Ablenkung, Bequemlichkeit für uns eigentlich leisten soll. Vor was soll uns dieses Genussmittel bewahren, beschützen oder gar trösten? Wovor weichen wir aus? Welcher Schmerz möchte noch nicht gefühlt werden? Welche Herausforderung erscheint uns noch zu groß? Wenn wir uns an diese Fragen wagen, dann kann die Fastenzeit auch ein Weg zur Befreiung und inneren Erlösung werden.  
Fasten kann uns wieder mit dem in Kontakt bringen, das in uns lebendig ist, das nach Freiheit strebt und vielleicht noch von kleinen Gewohnheiten oder Trägheit verdeckt wird. Was für ein Versprechen!

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen